Authentizität der Bilder im Journalismus

Authentizität in der Reportage FotografieIch habe gerade einen Artikel von mir auf der Platte gefunden, den ich noch zur Zeit meines Medienwissenschafts Studiums geschrieben habe. Ist das lang her, aber ich teile immer noch die selbe Auffassung, die ich damals schon hatte…
Vielleicht interessiert es ja den Einen oder Anderen:

Von der Malerei zur Fotografie

Die Malerei galt schon immer als Mittel zur Verschönerung der Realität‘. Adelige ließen und lassen sich nach ihren Vorgaben darstellen. Unschönheiten und Schwachstellen lassen sich mittels der Malerei leicht kaschieren. Die Einführung der Fotografie ließ den Anschein erwecken, das Bild sei das perfekte und vor allem das eindeutige Abbild der Realität. Ein Spiegel, also das verdoppelte des Abgebildeten. Ein zeitbezeugendes Dokument mit ‚Echtheitsgarantie‘ – man würde heute von einem Zertifikat sprechen.

Foto als Spiegelbild

Selbst wenn die erste Abbildtechnik1, die als Nachfolgerin der Camera Obscura gilt, die die Abbilder zu Originalen und eine Manipulation zwischen Aufnahme und Abbild nicht zuließ, so erweitert jede mediale Form den Raum der symbolischen Wahrnehmung. Ein Spiegel kann somit zu einem Zerrspiegel werden, da das Spiegelbild aus dem Kontext herausgezogen wird und in einem neuen Kontext eine andere symbolische Bedeutung bekommen kann. Allein der Autor kann bereits eine konstruierte Blickweise des Artefakts darstellen, je nach dem wie er den Ausschnitt der Abbildung wählt.

Fotografie als Instrument der Manipulation

Die Möglichkeit zur Kopie, zum Abzug des Originals und der damit einhergehenden möglichen Manipulation eines Abbilds öffnete den Weg der Fotografie zu einem Instrument der Indoktrination. Der verwachsene Glauben der breiten Öffentlichkeit an die Echtheit einer Fotografie und der damit verbundenen Naivität lässt ein Foto als Zeitzeugen gelten, welches möglicherweise gar keines ist. Den Positiven geht aber jede Einmaligkeit und Authentizität ab. Galt der Autor als authentisch, so bietet das Positiv, dass nicht mehr unter dem Einfluss des Autors steht, neben der erneuten Wahl des Ausschnitts durch Dritte die Möglichkeit zur Retusche. Der Übergang von Retusche und Verfälschung ist fließend.

Original vs. Fälschung

‚Das sicherste Indiz für ein Original bleibt der technische Aufwand, der zum Fälschen zu betreiben ist. Die technischen Hürden schützen mehr als jede juristische Barriere‘2. Damit gilt ein Negativ als sicher, wobei ein modernes digitales Bild auf dem Chip einer Kamera gleichauf einer Fälschung ist, denn hier gibt es weder Negative noch Positive. In wenigen Sekunden sind Bildelemente hinzugefügt oder entfernt und es ist praktisch unmöglich festzustellen ob und worin eine Veränderung stattgefunden hat.

Wenn also Fotos, insbesondere ihre digitalen Zeitgenossen doch so wenig authentisch sind und absolut kein Verlass auf die Information ist, warum gelten solche dann bei den Rezipienten weiterhin als ein beliebtes dokumentarisches Ausdrucksmittel?

Warum ist das Foto dennoch so beliebt?

Dazu finde ich in Fred Ritchins Text Antworten. Die Menschen wollen sehen, was sich außerhalb ihres Horizonts abspielt. Selbst wenn das Ereignete vor Ihrer Zeit lag. Fotos geben dabei die Möglichkeit sich im Schutz der heimischen Umgebung in eine entfernte Situation hineinzuversetzen und das Gefühl zu bekommen, man wäre selbst vor Ort gewesen.

Die Fotografie erweckt zudem den Eindruck, dass ein anderer Mensch an dem gleichen Ort, die selbe Szene genauso wie man selbst wahrgenommen hätte. Sind die Betrachter, die einer solchen Bilderflut von Situationen, die sie nicht selbst erlebt haben, ausgesetzt sind überhaupt noch bereit oder gar in der Lage Reaktionen zu zeigen? Zu den Anfängen des Fotojournalismus konnten Bilder lebensnaher Darstellung von Geschehnissen, die die Betrachter nie zuvor gesehen hatten, heftigste Reaktionen auslösen. Heute schaut man nur ‚mitfühlend‘ hin.

Sind die Betrachter nur noch nicht hinterfragende Rezipienten von unwirklicher Wirklichkeit, gleichauf ob sie fiktiv oder real ist?

Es ist also nicht abwegig zu glauben, dass Bilder die Geschichte schreiben und nicht die Geschichte die Bilder beinhaltet. Alleine schon am Beispiel der Paparazzi, ohne weiter an die oftmals betriebene Bildpropaganda zu denken, lässt sich erkennen wie Wahrheit konstruiert wird und sich als reales Abbild manifestiert. Mit Hilfe der digitalen Technik mehr denn je.

1Niepces und Dauerres
2 ’Mit fotografischem Gedächtnis’, Wolfgang Coy
’Zeitzeugen’, Fred Ritchin (Seiten 591-594, 603-605, 609-611)
’Politische Propaganda mit Fotografien’, Lebek

Eine Fotografie ist ein Monolog ohne Worte…
Wenn Sie nichts zu erzählen hat, dann ist sie einfach langweilig.

4 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel. Habe mir ebenfalls schon oft Gedanken über die Thematik gemacht. Oft stehen ja Manipulationen in PS im Vordergrund. Das aber schon die Wahl des Bild-Ausschnitts, der Perspektive etc. quasi eine „Bearbeitung“ ist, wird oft vergessen.

  2. Die nachträgliche Wahl des Ausschnittes ist wahrscheinlich sogar die wirkungsvollste Manipulation. Sie fällt am wenigsten auf und ist sehr schnell gemacht. — und kann wahnsinnig unterschiedliche Wirkungen erzeugen. Im Netz kursiert ja ein sehr beeindruckendes Foto dazu. Auf der Einen Seite hält ein Soldat eine Waffe gegen den Kopf des Gefangenen, auf der anderen Seite reicht ein Soldat eine Wasserflasche dem gleichen Gefangenen. Je nach dem wie man nun das Bild schneidet kommen zwei zu 180° unterschiedliche Aussagen bei raus.

  3. Das menschliche Auge wird doch seit immer hauptsächlich von schönen Dingen angeregt. Deshalb sind und bleiben Fotos, trotz der immer geringer werdenden Authentizitätsdosis, eines der beliebtesten Ausdrucksmittel überhaupt. Ästhetik vor Authentizität – das ist das, was heute zu gelten scheint.

  4. Ja und genau deswegen habe ich mich an den ganzen 08/15 Fotos so sattgesehen! Ich halte jetzt immer Ausschau nacht Ausdruck oder einer Geschichte im Bild

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