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Der Zeitaspekt in der Fotografie

Zeit ist in ein dauerhaft fließendes Gebilde. Augenblicke ziehen in Sekunden vorüber und werden unwiederrufbar.

Die Fotografie hat jedoch ein eigenes Zeitempfinden. Zeit-Regeln, die im reellen Leben gelten haben hier keine Gültigkeit. Zeit spielt in der Fotografie allein im Begriff eine tragende Rolle.

Die Fotografie ist eine Spur, die über Zeit und Raum transportiertes Licht auf ein Medium transformiert. Jeder Augenblick, den das Bild einfängt ist für immer gefangen in einer zeitlosen Schleife. Selbst für das menschliche Auge nicht erfassbare Geschwindigkeiten eines Objektes werden im Bild eingefroren.

Die Zeit steht nach dem Auslösen still

Die Zeit steht nach dem Auslösen still. Sie bildet eine eingefangene reale aber vergangene Realität. Ein Augenblick wird auf ewig zu einer unvergänglichen Erinnerung. Vergängliches wird konserviert, Bewegung zum Stillstand gebannt. Der Augenblick verdichtet.

Foto

Ohne Licht geht nichts. Ohne Licht können wir nichts wahrnehmen. Während das Licht für uns ständig in Bewegung ist und stets ein neues Abbild auf der Netzhaut zaubert, hält ein Foto dieses für die eingestellte Zeit des Auslösers fest.

Das Licht wird auf dem Film zu einer Spur. Die Kombination dieser Spuren zu einem wahrnehmbaren Abbild des Augenblicks, zu einem kurzen Ausschnitt der Realität.

Ein Foto zeigt uns stets unsere Vergangenheit, jedoch nicht das hier und jetzt und schon gar nicht unsere Zukunft.

Das Foto zeigt uns ein Objekt der Wirklichkeit, dass uns vertraut ist, markiert jedoch immer eine deutliche Distanz. Dieses Objekt wurde in ein flaches Abbild verband.

Wir können zwar das Foto anfassen, jedoch nie das Objekt selbst greifen. Fotos können damit unabhängig von Ort und Zeit Informationen transportieren, die nur zu dieser Zeit, an diesem Ort so stattgefunden haben.

Vergängliche Spuren des Lichts werden damit konserviert und in einer neuen Form an neue Orte transportierbar. Niemand muss am Geschehen teilnehmen um daran teilhaben zu können.

Fotograf vs. Betrachter

Wenn ein Fotograf eine Person porträtiert so wird er wissen, dass diese Person irgendwann von dieser Welt gehen wird. Das Foto, dass er festhält wird aber nach seinem Ableben ihn bei den Betrachtern zu den Lebenden zurück holen.

Für den Fotografen ist das Bild ein Abbild dessen was IST, für den Betrachter stets das WAR.

Der Fotograf ist also derjenige, der den Betrachtern die Vergangenheit zur Erinnerung zurückholen kann. Das Geschehen kann nicht aufgehalten werden, das Foto kann aber nachfolgenden Generationen die Geschehnisse vor die Augen führen.

Wahrnehmung

Vergangenes kann also doch zum Jetzt werden, zumindest zur Auseinandersetzung im Jetzt mit dem Vergangenen führen.

Schnelllebigkeit wird durch das Foto erfassbar gemacht. Ein Augenblick kann so auf eine unbestimmte Dauer ausgedehnt werden.

Beim Fotografieren hat man keine Zeit. Ein vergangener Moment wird niemals wieder kommen. Ist der Augenblick aber erstmal im Kasten, hat man aber alle Zeit der Welt die Feinheiten dieses Augenblicks zu studieren.

Ein in seiner zeitlichen Abfolge begrenzter Augenblick wird zum konservierten Fossil im Jetzt. Das Vergängliche ist wie ein Film im Kino. Der normalerweise nicht anhaltbarer Film diktiert den Zeitpunkt und die Betrachtungsweise.

Die Rezeption eines Fotos lässt aber dem Blick die Zeit, die gebraucht und gewollt ist. Die Reflektion des Dargestellten ist nicht mehr an den zeitlichen Fluss gebunden. Ein Foto zeigt kein Geschehen, dass auf einem Zeitstrahl abgebildet werden kann, ordnet aber einem Ausschnitt des Geschehens eine unendliche Zeitskala zu.

Umkehrung der Zeit

Der Zeitfluss kann aber auch umgekehrt werden. Impulse, die nach kurzer Dauer schwinden können ihre Spur in der Zeit auf dem Film festhalten und somit die Erfassung im Auge ausdehnen. Wanderndes Licht wird bei einer langen Belichtung zu einem zusammenhängendem Objekt modelliert, so wie es in der Realität nicht wahrgenommen werden kann.

Essay für ein MeWi Seminar

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